Lehrerausbildung und Universitätspraktika

Die IGS arbeitet mit den Universitäten in Mainz und Frankfurt/Main zusammen, indem sie regelmäßig Praktikanten während ihrer schulpraktischen Studien betreut. Die Studentinnen und Studenten sind fünf Wochen lang täglich an der Schule. In der ersten Woche hospitieren sie und stellen sich einen Stundenplan zusammen, danach planen sie mithilfe von ausgebildeten Lehrkräften selbst Unterrichtssequenzen, führen diese durch und werten sie anschließend mit ihren BetreuerInnen aus.

Das pädagogische Konzept der IGS Kelsterbach - Bericht von Anna Lena Meuselbach, pädagogische Studentin an der J.-W.-Goethe-Universität, Frankfurt/Main

m Rahmen des Seminars "soziale Dimensionen des Lehren- und Lernens" hatten wir Studenten die Möglichkeit in die IGS Kelsterbach zu fahren und dort in Vorträgen das pädagogische Konzept der Schule kennen zu lernen. Dabei konnten wir  uns mit Schülern und pädagogischen Fachkräften austauschen und vor allem die Atmosphäre auf uns wirken  lassen. Im Folgenden werde ich einige Aspekte des pädagogischen Konzepts der Schule kurz beschreiben, über die wir in den Vorträgen der Exkursion informiert wurden. Insbesondere möchte ich dabei auf die Wirkung dieser Erfahrung auf mich und meine Zukunftsperspektive eingehen.

Die integrierte Gesamtschule in Kelsterbach ist eine Ganztagsschule und wurde 1972 in einer Zeit pädagogischer Aufbruchsstimmung gegründet. Heute besuchen 645 Schülerinnen und Schüler die Klassen 5 bis 10, davon etwa 53% mit Migrationshintergrund, der durch den ehemaligen Werksstandort Kelsterbach zustande kommt. Auffallend ist hier, dass dieser kulturellen Vielfalt nicht mir Sorge oder Angst begegnet wird - sie wird als Chance gesehen. Die Kinder werden in ihrer Unterschiedlichkeit und Einzigartigkeit wertgeschätzt und ihre Erfahrungen und Herkunft als "biographische Schätze" erkannt, aus denen sich schöpfen lässt. Liest man die Broschüren über das pädagogische Konzept und das Unterstützungssystem für schulischen Erfolg der IGS Kelsterbach erscheint es einem im ersten Moment kaum realisierbar. Die Exkursion hat das Gegenteil bewiesen!

Die Sauberkeit der Gebäude überrascht zunächst am meisten. Doch genau an diesem pfleglichen Umgang mit den Einrichtungsgegenständen lässt sich erkennen, wie die Schüler zu ihrer Schule stehen: sie ist ein Ort des Wohlfühlens, des Zuhause-Seins.

Ebenfalls bemerkenswert ist, dass neben den Lehrern auch drei Sozialarbeiter, zwölf Betreuungskräfte, eine DSEH-Kraft und ein Projektleiter zur "Förderung der Berufsreife" zum festen Mitarbeiterstab der Schule gehören. Sie sorgen dafür, dass die Schüler jederzeit Ansprechpartner haben und aufkommende Probleme nicht aus Zeitmangel einzelner Lehrkräfte übersehen oder vergessen werden. Durch das vielfältige Unterstützungssystem entstehen Zeit und Raum für Prävention und Intervention, sodass Schüler auf ihrem schulischen Weg nicht verloren gehen und auch in schwierigen Situationen gestützt und aufgefangen werden.

Die IGS Kelsterbach hat die Aufgabe angenommen, in einer Zeit gefährdeter Bindungen und Traditionen im Familiensystem auch Erziehungsaufgaben zu übernehmen. Schule wird hier nicht als Ort der reinen Wissensvermittlung gesehen, sondern auch als einer mit komplexen Beziehungen, in dem sich die Kinder über die Jahre verändern und entwickeln. Auf diesem dem Weg des Erwachsenwerdens bietet die Schule Unterstützung und Begleitung. So sind die klar formulierten Ziele die Verständigung über Normen, die Vermittlung von ethisch verantwortungsbewusstem Handeln und die Durchsetzung von Regeln und Normen. Das Erreichen dieser Ziele setzt vor allem Kooperationsbereitschaft seitens der Schüler und Eltern voraus. Grundsätzlich müssen die Lehrkräfte ihren Unterricht gut vorbereitet und strukturiert anbieten. Dazu gehören außer der Wissensvermittlung in jedem Fall die im Seminar angesprochenen "sozialen Dimensionen" im Klassenzimmer. In angespannter und konfliktbeladener Atmosphäre ist sinnvoller Unterricht nicht umsetzbar. So müssen die Ursachen von Konflikten erkannt, bearbeitet und behoben werden,  damit ein reibungsloses und konstruktives Lernen für alle möglich wird.

Da es an jeder Schule nicht selten zu Schwierigkeiten bei Schülern kommt, entwickelte die IGS ein vielfältiges System zur Prävention und Intervention bei Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten. So gibt es auf ganz verschiedenen Ebenen Möglichkeiten der Konfliktlösung. Zentral ist dabei, dass die Aufgaben innerhalb der Pädagogen und Mitarbeiter klar verteilt, geregelt und abgesteckt sind, sodass eine konstruktive Zusammenarbeit aller Instanzen möglich ist. Die Kommunikation über den momentanen Zustand eines Schülers oder ein konkretes Problem ist zu jeder Zeit gesichert. Dadurch wissen alle Involvierten, woran gerade gearbeitet wird und welche Schritte folgen. Diese lückenlose Kommunikation ist ein Schlüsselmoment in der Erziehungsarbeit der Schule.

Ich werde im Folgenden genauer auf den Einsatz der sogenannten DSEH-Kraft eingehen, da dies für mich persönlich wegweisend war. An der IGS Kelsterbach gibt es eine Stelle, die von einer sonderpädagogischen Kraft der Dezentralen Schule für Erziehungshilfe (DSEH) besetzt ist. Diese Person ist in der Schule präsent und nicht nur den Lehrern, sondern vor allem den Schülern bekannt. Statt Schüler mit Auffälligkeiten in der sozialen und emotionalen Entwicklung zentral zu sammeln und an einer Schule für Erziehungshilfe zu unterrichten, werden sie hier integriert und in pädagogischer Kooperation gefördert. Durch die verlässliche Anwesenheit der DSEH-Kraft ist der frühzeitige Zugang zu Beratung und Förderung jederzeit gewährleistet. Sie ist jederzeit Anlaufstelle für Diagnostik. Dies bietet in meinen Augen mehrere Vorteile. Die Schüler, deren Auffälligkeiten sich im Schulalltag äußern, werden nicht aus diesem komplexen System "entfernt" um zu einer Konfliktlösung zu kommen, sondern an Ort und Stelle unterstützt und gefördert. Dazu dienen zum Beispiel Gruppentrainings oder sonderpädagogische Maßnahmen der Einzelförderung. Auch die Elternberatung gehört zu den Maßnahmen der DSEH. Dabei gestaltet sich ihre Arbeit stets in Zusammenarbeit mit dem Koordinator für Erziehungsmaßnahmen an der IGS Kelsterbach.

Die Arbeit der DSEH-Kraft beginnt mit der Meldung eines Schülers über den sogenannten Erfassungsbogen. Aufgrund dieser Lehrerbeobachtung werden nun Unterrichtsstunden besucht und eine Diagnostik erstellt. Diese dient dann als Grundlage für den gemeinsamen Förderplan des Schülers. Bevor es jedoch zu tatsächlichen Maßnahmen kommt muss sich das Schulteam, das sich einmal monatlich zur Beratung über Schüler mit Bedarf an Erziehungsmaßnahmen trifft, beraten und die Hilfsmaßnahmen planen. Dabei wird außerdem jeder Schüler mit Förderbedarf einem Mitglied des Schulteams zugeordnet, um eine persönliche und langfristige Basis für die Problembehandlung herzustellen.

So beginnt die sonderpädagogische Förderung eines Schülers nicht direkt aufgrund der subjektiven Beurteilung durch eine einzige Lehrkraft, sondern erst nach dem Durchlaufen verschiedener Stufen. Die Vorteile liegen auf der Hand: hier wird keinem Kind aus persönlicher, unbewusster Abneigung Unrecht getan, sondern genau hingeschaut. Die verschiedenen pädagogischen Fachkräfte, die sich gemeinsam austauschen und beraten, stellen somit die faire und gleichberechtigte Behandlung der Schüler sicher.

Mich haben die Wertschätzung, Mühe und Sorgfalt, mit denen den Kindern hier begegnet wird tief beeindruckt. Im Gespräch mit den Schülern, die an einem Samstagvormittag freiwillig (!!!) in die Schule kamen, um uns Studenten in Gesprächen zur Verfügung zu stehen, wurde deutlich, dass die vorherigen Vorträge nicht bloß schöne Worte waren, sondern Realität. Hier investieren die Lehrer Zeit in ihre Schüler und nicht nur in ihren Unterricht. Dieses Denken vermisse ich an vielen Regelschulen.

Als weitere Besonderheit sehe ich die zahlreichen und vielfältigen Programme und Projekte, die den Schülern hier zur Verfügung stehen. Alleine zum Thema Berufseinstieg gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Ein solch durchorganisiertes Unterstützungssystem mit individuellen Hilfestellungen hätte ich mir während meiner eigenen Schulzeit gewünscht.

Des weiteren habe ich sehr viel aus dem Gespräch mit der DSEH-Kraft Frau Zell mitgenommen. Da ich selber den sonderpädagogischen Schwerpunkt Erziehungshilfe studiere, war dies für mich persönlich am interessantesten. Für mich war neu, dass es die Möglichkeit gibt, nicht in einer geschlossenen Schule für Erziehungshilfe zu arbeiten, sondern dezentral und offen. Ich denke, dass dies enorm sinnvoll ist, um einerseits der Ghettoisierung der Erziehungshilfeschulen entgegen zu wirken und andererseits die Integration der Kinder zu unterstützen. Viele Lehrer können sich nicht vorstellen EH-Kinder zu unterrichten und behaupten, dass dies von vornherein zum Scheitern verurteilt sei. Am Beispiel der IGS sieht man, dass man mit angemessener Unterstützung vielem vorbeugen kann und Probleme rechtzeitig auffängt. Das Motto „Integration nur bei Kooperation“ hat dabei allerdings verdeutlicht, wie und wann hier Sanktionsmaßnahmen zum Einsatz kommen und dass trotz allen Verständnisses nicht jeder tun und lassen kann, was er/sie will. Das fand ich bezeichnend. Vor der Exkursion hatte ich manchmal den Eindruck, dass es an der IGS Kelsterbach einfach keine "Problemkinder" gibt. Aber es gibt sie. Es wird nur sofort interveniert und angemessen konsequent damit umgegangen.

Im September und Oktober 2010 absolvierten sechs Praktikantinnen und Praktikanten des Studiums für verschiedene Lehrämter fünf Wochen lang ein Praktikum an der IGS Kelsterbach. In einem abschließenden Gespräch mit der Schulleiterin tauschten sie sich über ihre Beobachtungen und Einschätzungen aus.

Gespräch mit Lehramtspraktikantinnen der Universität Frankfurt
im Oktober 2010

Welchen Eindruck haben sie in den fünf Wochen von unserer Schule gewonnen? Was war für Sie bemerkenswert?

  • „Mein Eindruck ist durchweg positiv. Bemerkenswert finde ich die Möglichkeit der Strukturierung und Rückmeldung, die durch den Lernplaner gegeben ist, den alle Schülerinnen führen sollen. Die Kommunikation mit den Eltern ist dadurch einfach und umgehend möglich.“
  • „Mich hat besonders das Vokabelheft für alle Fächer beeindruckt. Es ist ein wirksames Mittel zur Verbesserung der Sprachkompetenz.“
  • „Die Ausstattung der Schule mit modernen Medien ist herausragend. Klassenlaptops, Smartboards und die Computerräume werden intensiv genutzt. Überhaupt wirken die Räumlichkeiten freundlich und einladend.“
  • „Mir ist aufgefallen, dass die Schülerinnen und Schüler hier besonders viel Unterstützung bekommen, mehr als in anderen Schulen, die ich bisher erlebt habe. Jeder Schüler hat hier die Möglichkeit, sich gut zu entwickeln, viel zu lernen und einen möglichst hohen Bildungsabschluss zu erreichen. Es wird mehr Wert auf die Entwicklung von Selbstständigkeit und Eigenverantwortung gelegt als auf bloß formales Lernen.“
  • „Die positive Aufnahme an der Schule fand ich bemerkenswert, zum einen durch Schülerinnen und Schüler, zum anderen durch Lehrkräfte, die sehr kooperativ und hilfsbereit waren.“
  • „Im freundlichen Umgang der Personen an der Schule miteinander zeigt sich, dass das soziale Lernen an der Schule einen hohen Stellenwert hat.“
  • „Ich habe die Gesamtschule als ein faires System kennen gelernt, das nicht nur Eliten, sondern alle fördert, die für die Zukunft Deutschland wichtig sind. Bildung und Erziehung für die Zukunft der Schüler braucht Lehrer, die sich dafür einsetzen; solche Lehrer habe ich hier getroffen.“

Wie beurteilen Sie das Ganztagskonzept?

  • „Interessant ist die Tagesstruktur mit den 90-Minuten-Blöcken. Wir konnten viele Unterrichtsstunden beobachten, die methodisch abwechslungsreich organisiert waren. Hier hatten die Schüler viel Gelegenheit, selbst aktiv zu sein.“
  • „Bei jüngeren SchülerInnen gab es zum Teil Probleme mit den 90-Minuten-Blöcken, insbesondere wenn die Unterrichtsstruktur methodisch nicht angepasst war.“
  • „Vor allem in den höheren Jahrgängen ist die Zeitstruktur gut, sinnvoll und sogar notwendig; sie gewährleistet, dass auch Versuche durchgeführt werden können und entdeckendes Lernen sowie Übungsphasen den notwendigen Raum haben.“
  • „Bei den älteren Schülern fällt auf, dass viele die Vorteile der Ganztagsschule noch nicht zu schätzen wissen, anders als bei den jüngeren Schülern, die von Anfang an "hineingewachsen" sind.“
  • „Mein Vorschlag ist, den Nachmittag stärker zu nutzen, um auch Aktivitäten für verschiedene Schulteams anzubieten, die die Gemeinschaft fördern.“

Insgesamt waren alle Praktikanten mit dem Erfolg des Praktikums sehr zufrieden und können sich gut vorstellen, an der IGS Kelsterbach zu arbeiten.

 
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